Vergleichstest Junior 7


Hintergrund dieses Vergleichstests waren folgende Überlegungen:

1. Junior 7 ist noch verhältnismässig neu auf dem Markt und es existieren noch nicht viele Erkenntnisse/Partien auf Turnierstufe.

2. Junior 7 ist meines Erachtens in meinem Turnier "Einer gegen alle" gegen ChessTiger 14 weit unter Wert geschlagen worden (7.5-2.5).
Ich möchte nun herausfinden, ob es sich um ein statistisch durchaus mögliches Resultat handelte oder Junior am unter Punkt 3 beschriebenen Problem litt.
Das wird mit meinem Test natürlich nicht eindeutig zu klären sein, dafür müsste erst noch einmal das gleiche Match gespielt werden, um eine evtl. statistische Ursache zu erkennen.

3. In der Junior 7 Oberfläche wurde zwar eine neue Funktion bezüglich des Eröffnungsbuches implementiert (Stichwort "Blaue Züge", siehe unter Computerschach->"Wissenswertes"), sie funktioniert jedoch nicht. Schlimmer noch: So mancher "normale" Zug, der unter der Junior 6 Oberfläche eine Ausspielwahrscheinlichkeit von 100% aufweist, wird unter den neuen Oberflächen (Fritz 6e, Junior 7) mit 0% angezeigt, wodurch der Schachmotor unverzüglich zu rechnen beginnt. Das ist natürlich nicht im Sinne des Erfinders und benachteiligt das Programm.
Der Betrieb der Junior 7 engine plus neuem Eröffnungsbuch wird daher von den Junior-Programmierern unter der alten Junior 6 Oberfläche empfohlen.
Da die SSDF und ich auch aber bereits einige Partien mit der fehlerhaften Junior 7 Oberfläche spielten, sind die Ergebnisse mit Vorsicht zu geniessen, denn das Fehlverhalten sorgt dafür, dass Junior nicht die optimalen und extra auf Junior angepassten und handverlesenen Eröffnungszüge spielt. Das wirkt sich selbstverständlich nachteilig auf die Ergebnisse aus.
Also wird mein Junior 7 Test mit den empfohlenen Einstellungen durchgeführt.

Spielbedingungen
 


Resultate des Junior 7:

Junior 7 gegen ChessTiger 14: 6.5-3.5
Junior 7 gegen GambitTiger 2: 4.0-6.0
Junior 7 gegen GambitTiger 2 aggressiv: 4.5-5.5
Junior 7 gegen Shredder 4: 6.0-4.0
Junior 7 gegen Shredder 5.32: 6.5-3.5
Junior 7 gegen Hiarcs 7.32: 5.0-5.0
Junior 7 gegen Nimzo 8: 6.0-4.0
Junior 7 gegen Fritz 6(Mai 2001): 4.5-5.5

Alle Partien und Download 43.0-37.0 = 53.75%
Download


FAZIT:
Nachdem nun der Junior-7-"Nachtest" beendet ist, was kann man über den Spielstil und die Spielstärke von Junior 7 sagen?

1. Es gibt wohl wirklich nicht nur das Problem der "blauen" Züge des Eröffnungsbuches bei Junior 7, auch andere Buchzüge werden z.B. unter der Fritz 6 / Junior 7 Oberfläche mit einer Ausspielwahrscheinlichkeit von 0% angezeigt, was dafür sorgt, dass Junior an dieser Stelle anfängt, selbst zu rechnen. Unter der Junior 6 Oberfläche haben genau diese Buchzüge jedoch eine Ausspielwahrscheinlichkeit von 100% und werden a tempo ausgespielt. Dadurch kommen natürlich ganz andere Partien zustande, denn die berechneten Züge sind selten die, die den Zügen des Eröffnungsbuches entsprechen. Hier bleibt zu hoffen, dass es wirklich bald einen Bugfix für die Junior 7 Oberfläche geben wird. Dies ist u.a. auch ein Punkt, der unter dem in Kürze erscheinenden Fritz 7 zu kontrollieren ist. Momentan kann die eindeutige Empfehlung eigentlich nur lauten, die Junior 6 Oberfläche zu verwenden.

2. Juniors Spielstil unterscheidet sich gravierend von Junior 6. Der Vorwärtsdrang ist deutlich ausgeprägter, Junior scheint nach Initiative und Dynamik zu streben, wofür des öfteren schon mal ein Bauer geopfert wird. Oftmals bekommt Junior den Bauern bei mindestens Ausgleich zurück, hin und wieder geht dieses Vabanque-Spiel in die Hose. Man weiss auf jeden Fall nie, wie die Partien ausgehen. Und die Partien sind sehr selten langweilig.

3. Junior scheint in der Tat einen Bonus für Randbauernzüge zu bekommen. Das mag Sinn machen, wenn der Randbauer gegen die gegnerische Rochadestellung aufgezogen wird, bei in der Mitte stehen gebliebenem König ist das nicht unbedingt vorteilhaft. (Kann aber eine Rochade verhindern und damit den gegnerischen König in der Mitte fixieren!)

4. Juniors Bewertungen sind sehr moderat. Sie bewegen sich fast ausschliesslich im Rahmen von -3 bis +3, während andere Programme schon drastisch höher oder tiefer bewerten. Ein +1.6 bei Junior kann bei Shredder oder Tiger schon bei -4 liegen. Was sage ich fast, eigentlich immer. Genauso anders herum, während Shredder, Tiger usw. schon +5 anzeigen, träumt Junior erst bei -2 herum. Entschieden sind die Partien trotzdem, aber man sollte um diese Fakten wissen.

5. Mir scheint, dass Junior über eine gewisse Endspielschwäche verfügt. Die beiden Endspielniederlagen gegen Shredder 4 zum Beispiel waren vermeidbar und wären einigen anderen Programmen nicht unterlaufen. Besonders das Endspiel mit den gleichfarbigen Läufern, in dem Junior die eigenen Bauern genau auf die falschen Felder gestellt hat, lässt fehlendes Grundwissen vermuten.


Alles in allem verfügt Junior 7 über einen sehr interessanten Spielstil. Wenn man ihn lässt, greift er nachhaltig den König an und nimmt dafür schon mal positionelle oder materielle Nachteile in Kauf. Es scheint, dass Junior nach Inititative und Dynamik strebt, den Gegner immer wieder verwirrt und kaum zur Ruhe kommen lässt. Es sieht weiterhin so aus, dass Junior für einen erfolgreichen Angriff die Damen benötigt. Sind die Damen vom Brett, sinkt die Gewinnquote.
Einen Vergleich mit GambitTiger 2, dem erfolgreichsten angriffsfreudigen Vertreter seiner Gilde, kann Junior jedoch nicht für sich entscheiden. Junior produziert hin und wieder ebenfalls sehenswwerte Kurzpartien, des Tigers Angriffe sind positionell aber gesünder. Falls sie nicht greifen, hat der Tiger immer noch ein solides positionelles Fundament und vor allem die notwendige Endspielstärke, um Partien noch zu halten oder gar zu gewinnen. Von dieser Ausgewogenheit ist bei Junior nichts zu sehen, vor allem das Endspiel bereitet noch Sorgen. Dafür scheint mir Junior generell ein etwas dynamischeres Mittelspiel als der Tiger zu haben. Es ist nicht so fixiert auf den gegnerischen König. Wenn es die Stellung erfordert, wird auch am Damenflügel gespielt.
Der Begriff Kaffeehaus-Schach wurde schon geäussert, mich stört jedoch am meisten, dass Junior völlig unberechenbar ist. Beim Tiger kann man sich fast sicher sein, dass die Partie mindestens remis endet, bei Junior ist die Chance, dass er die Partie verliert, wesentlich grösser. Nichtsdestotrotz bietet Junior nervenaufreibendes Schach auf höchstem Niveau, bei dem selten Langeweile aufkommt, und stellt eine äusserst interessante Bereicherung an Computerschachprogrammen dar.


Stand: 20.10.2001 17:00